segunda-feira, 1 de abril de 2013

Die gute alte Zeit im Korb

Saudade shoppen: Catarina Portas verkauft in ihren Läden alte Markenprodukte. Schokolade und Seifen erzählen bei A vida portuguesa von der Geschichte des Landes.



Lissabon ist eine Stadt mit ruhigem Puls. Wer A vida portuguesa, den Laden von Catarina Portas im Geschäftsviertel Chiado, betritt, der spürt das. Angestellte mit steifen Leinenschürzen, knarzende Dielen, verwirrende Düfte. Metallpolitur, Vanillezucker, Veilchenseifen. Dosen, Tütchen, Päckchen in gold, grün, rot, gelb und violett. Das Retrogeschäft gibt es seit sieben Jahren. Es ist groß – ganz Portugal findet hier Platz.

Alltagswaren von knapp fünfzig heimischen Herstellern verkauft die 44-jährige Unternehmerin in ihren Gemischtwarenläden. Portas betreibt ein Geschäft in Lissabon, eines in Porto, beliefert Verkaufspunkte in ganz Portugal und in sieben anderen Ländern (auch in Deutschland). Selbst stand die Unternehmerin noch nie hinterm Holztresen. Quer übers Land jagt sie seit dem Jahr 2004 einer Idee nach: "Wir wollen altbewährte Markenprodukte vor dem Aussterben bewahren", sagt sie. "Sie erzählen von portugiesischem Erfindergeist und harter Arbeit, beweisen in ihrer Langlebigkeit, dass Portugal eine Zukunft hat."

Die Kunden geben ihr Recht. Sie wollen Waren mit eigener Identität kaufen, aus Stilbewusstsein oder wegen der Saudade, dieser unstillbaren Sehnsucht, der auch der Fado entspringt. "Wir setzen auf die magische Kraft des Objekts", sagt Portas. Alles wird in Originalverpackungen der 1920er bis 1960er Jahre präsentiert. Fischkonserven mit goldenen Ranken oder vollmundigen Frauengesichtern erzählen von Zeiten, in denen portugiesische Ölsardinen als Delikatesse nach Frankreich und Großbritannien exportiert wurden. Latex-Teigschaber mit Holzgriff tragen den Namen "Salazar", weil "sie keinen Teig in der Schüssel zurücklassen", erklärt Portas lachend. "Das hätte dem Diktator gefallen, er litt ja unter krankhaftem Geiz."



Bei der Recherche zu einem Buch über portugiesisches Alltagsleben im 20. Jahrhundert überkam die damalige Journalistin vor ein paar Jahren eben jene Saudade, die diffuse Sehnsucht nach einer Zeit, die landläufig als gut und alt gespeichert ist. Sie prägte die Identität des Landes: Zwischen den 1930er und 1970er Jahren führten die Portugiesen unter Diktator António de Oliveira Salazar ein quasi selbstversorgerisches Leben am Rande Europas. "Wir sehnen uns natürlich nicht nach der Diktatur, sondern nach dem Lebensstil der Salazar-Jahre", sagt Portas. Sie wirkt selbst wie aus den vierziger Jahren, mit ihrem schräg geknoteten, seidenen Halstuch und dem gewellten, kinnlangen Haar. Man meint, sie müsse nach Lavendel riechen.

Catarina Portas ist Tochter eines Architekten. Ihr Halbbruder Miguel Portas war bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr Abgeordneter des linken Parteibündnisses Bloco de Esquerda (BE) im europäischen Parlament. Ihr geht es nicht nur um die Antifaltencreme von Portugals letzter Königin Amélia (zehn Euro) oder um Europas ältesten Schwarztee, der seit 1874 auf den Azoren wächst (100 Gramm 4,90 Euro). Sie kämpfe für Portugals Seele, sagt sie, wolle beweisen, dass ihre Landsleute etwas taugen, obwohl das Land am EU-Tropf hängt und mit 185 Milliarden Euro verschuldet ist.

Dabei zeigt sie Geschäftssinn, Intuition und Patriotismus: Vor drei Jahren hat Portas eine Bewegung zur Wiedereröffnung des Museums für Volkskultur in Belém maßgeblich unterstützt, das elf Jahre lang geschlossen war. Sie hat einige der Lissabonner Quiosques do Refrescos gekauft, runde Stehausschänken, die wie Litfaßsäulen mit Tresen wirken. Dort kann man im Vorbeigehen alte Getränke kosten: Mazagrán (kalter Kaffee mit Eis und Zitrone), Leite perfumado (Milch mit Johannisbeer-Sirup), Capilé (portugiesische Cola aus Karamell, getrocknetem Tüpfelfarm, Wasser und Zitrone) oder Likör aus Ginjinha-Kirschen.



© Annett Bourquin, ZEIT online.

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